Archiv für den Monat September 2022

Die Liebe

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Wachse und werde zum Wald ! eine beseeltere,
vollentblühende Welt !  Sprache der Liebenden
sei die Sprache des Landes,
ihre Seele der Laut des Volks

 

 

 

 

 

Friedrich Hölderlin
Abschlußvers   „Die LIebe“

 

 

 

 

 

 

Ach könnt ich doch

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Ach könnt ich doch
eine elegante Schwalbe
ein flinker Fisch geschmeidiges

Kätzchen verspielter Hund
eine weise Eule ein mächtiger
Löwe sein wo nicht dann eben

Ein kecker Schmetterling eine
fleißige Biene denn da eins nur
zuwenig wähl ich alles zusammen

Daher bin ich ein Menschenkind
geworden das allen Getiers
seelischen Zauber dankbar vereint

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wahrheit hinter dem Schleier

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Manchesmal klagten mir Mitmenschen
die Tiere seien leichter zu lieben ja
nur sie empfingen sie seien würdiger ihrer Liebe

Als ihresgleichen Was für eine feindseelige
Haltung welch Schmerz  Resignation Trauer
ja Menschenfeindlichkeit dieser Menschen

Jedoch wesshalb gehen sie dann immer noch
zum Metzger und erwerben dort Leichenteile
jener doch ach so ausschließlich Geliebten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Tanz

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Der Tod den es nicht gibt
tanzt seinen letzten Tanz
mit aller Not im Gefolge

Die Seele unsterblich denn
schwingt einen freudig Reigen
den alle Wohlgesinnten begleiten

Die Angst mit Lügen angemäßtet
hockt wie gelähmt in Zeugenschaft
bald wird es Wahrheit regnen

Der Himmel sonnig wonnig lacht
wir tanzen um das Leben mit Kind
und Greiß gesegnet wohlbedacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entdeckung der Welt

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Um sie zu entdecken mußt Du wissen
das Sie unter einer Decke schläft
und träumt Sie sei das Paradies

Ich der altkluge Knabe hörte einst
krächzend einen Rabe der dem der
die Sprache der Natur verstehend

Solcherart gekündet  Wisse wisse
alter Knabe weiß ist jeder Rabe
bunt der Pfau und blau das Meer

Wer zu deuten dieses Rätsel
ist der Weisheit Spur gefolgt
All die Angst der Freude Diebe

Lieben nährt vertrauend
alle Triebe knospend blühend
fruchtend reif ei wie die Sonne lacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

T 345

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Im Landratsamt KFZ Zulassungsstelle
10 Uhr Termin telefonisch vereinbart
von einer 90 jährigen Wittwe für die

Ich den Fahrdienst übernehme den
Wagen auf Ihren Namen ummeldend
Nein ja warten und eine Nummer ziehen

Zutritt ist nur über den Haupteingang
früher damals direkt in die Halle hm
Zwei männlich weibliche Sicherheits

Wächter schwarzgekleidet wie zur
Bestattung ins Gespräch vertieft
Ich erbitte einen Espresso der ist

Welch Wunder märchenhaft immer
noch kostenlos Die Nummer erscheint
Die Formalitätengebühr wird bargeldlos

Von einem Geldautomaten eingezogen
Früher damals nahmen noch Menschen
Hand von Hand Handelnde die Gebühr an

Die junge adrette Dame hinter der
Plexiglasschutzwallwand   wovor
gibt sich zu erkennen Sie arbeitet

Noch nebenher im Körperertüchtigungs
park am Empfang dort wo ich entspannend
wöchendlich in die Sauna gehe einem Ort der Liebe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wetter

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Wetter ist nicht schlecht
Wetter ist Naturstimmung
allzeit stimmig spiegelt

Das Wetter im Großen
das Wetter im kleinen
unser aller Befinden  wieder

Ich habe südländische Menschen
wärmer erlebt als die hier meist
unterkühlten Schwarzkleidungs

Träger Strahlt die Sonne strahle ich
erleuchtet wo nicht hab Sonne im
Herzen sei der Nacht ein Licht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Welt

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Meine Welt Deine Welt
Unsere Welt
Bedingt

Denn die Architektur das was
hier und heute Baustil ist
entspricht mir nicht

Meine Häuser haben viel Rund
sind baubiologisch gesund
umfangen von Gärten groß

Im goldenen Schnitt darin
Gemüsen und spielende Kinder
dachbegrünt ohne Hypothek

Frei von Zinsen Mein erstes Haus
Hauptwohnsitz ist mein Körper
darin Geist und Seele einträglich wohnen

Mein Zuhause ist die ganze Welt
ein Abenteuerspielplatz bunt
der mir somit gut gefällt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schicksal

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Ein Großes meist unverstandenens
häufig mißliebig beargwöhntes Wort
das dennoch unser aller Leben birgt

In der herbstlichen Athmosphäre
auf der Wäscheleine in der Wiese
der Protestantischen Gemeinde nebean

Hängt ein einzelner schwarzer
Kindersocken mit blauer Kunststoff
klammer und wartet darauf

Sein Schicksal zu erfüllen
Ich höre den Engel künden
Vereine was getrennt in Liebe

Das Kind die Mutter und der Vater
die Socke und die Ukrainischen
Flüchtlinge dort nächstes Jahr

Wird das Holzhaus abgerissen
die Wiese verbaut denn der
Kirche fehlen Kirchensteuern

Der gestiegenen Austritte wegen
was sagt Jeshua hierüber
Wie denkt Christus fühlen wir

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schatzfund

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…“bin ich einsam?  Am Strand entlanggehend denke ich darüber nach.
Ich bin nicht einsam,sondern lieblos.
Ich treffe Menschen, die ich lieben könnte und die mir jedenfalls auch nicht
aus dem Weg gehen. Aber ich bin gefräßig und möchte für meine Liebe mehr
zurückbekommen.
Wenn ich wenigstens traurig wäre, weil die langbeinige Frau aus Oldesloe verschwunden ist.
Meine Vorstellung von freiem Sex ist irgendwie fadenscheinig.
Ich müßte einfach lieben, wo es was zu lieben gibt, und respektieren, wenn es damit aus ist.
Bisher war ich von vorneherein nie bereit, das Ende zu respektieren und daher
auch von vorneherein lieblos.
Warum nicht alles und alle lieben, die ich nicht unbedingt ablehnen muß?
Warum nicht einfach lieben wo und so lange es geht, Frauen, Meere, Städte, Geschichten,
sogar Männer? Ich schreibe daraufhin Postkarten an alle möglichen Leute. Das ist immerhin ein Anfang.
Als ich sie einstecken will, irritieren mich die vielen gelben Windjacken, die in derselben
Farbe leuchten wie die Briefkästen.“

 

 

Sten Nadolny : Netzkarte Roman Seite 52
Serie Piper April 1992